Artikel aus den Lokalnachrichten des Teckboten vom 17.11.2001

SCHULVERSUCH / Das Schlossgymnasium strickt am Muster für ein neues naturwissenschaftliches Fach, das 2004 im ganzen Land eingeführt wird
Angewandte Wissenschaft: Den Alb-Boden mit allen Sinnen erforscht


Das Schlossgymnasium erprobt seit einiger Zeit mit großem Erfolg ein neues naturwissenschaftliches Schulfach. Statt grauer Theorie gibt es jede Menge Praxis, ob im Chemielabor, am Computer oder bei Bodenprobe-Bohrungen auf der Schwäbischen Alb.

 

Foto: privat

 

 

ANDREAS VOLZ

KIRCHHEIM Wenn Schüler nach Englisch und Französisch in Klasse 9 mit einer weiteren Fremdsprache konfrontiert werden am Schlossgymnasium ist dies Latein , dann wissen alle sofort Bescheid: Ein neues, wichtiges Hauptfach ist hinzugekommen. Wie sieht es aber mit der Mehrheit aus, die sich nicht für Latein entscheidet? Für sie gibt es zwar den naturwissenschaftlichen Zug, aber kein neues Fach. Beim Eintritt in das Kurssystem der Oberstufe haben die Naturwissenschaftler in etwa dasselbe Programm absolviert wie die Lateinklasse nur ohne Cäsar, Cicero, Ablativ oder Vokativ.

Dieses Ungleichverhältnis soll ab 2004 landesweit der Vergangenheit angehören. Eine Vorreiterrolle spielt dabei das Kirchheimer Schlossgymnasium. Bereits im vierten Jahr befindet sich das Fach MNI (Mathematik + Naturwissenschaften + Informatik) in der Erprobungsphase, hat sich dabei aber längst bewährt. Wer seit 1998 an der Jesinger Halde das naturwissenschaftliche Profil wählte, bekam als Neuntklässler mit MNI auch ein adäquates neues Unterrichtsfach dafür. Im Unterschied zu Latein als einer weiteren Fremdsprache handelt es sich bei MNI allerdings nicht um eine zusätzliche Naturwissenschaft, sondern um den Versuch, die nach wie vor einzeln gelehrten Fächer Mathematik, Erdkunde, Biologie, Physik und Chemie zu vernetzen.

Dass dabei wirklich etwas Neues entstand und sich auch im Bewusstsein der Schüler festgesetzt hat, zeigte die Klasse 10c im Rahmen eines Gesprächs über ihre geographische Exkursion. Wir haben jetzt nicht Erdkunde, sondern MNI, lautete die einhellige Meinung im Chemiesaal, in dem die MNI-Erdkunde-Stunde stattfand. Was MNI unverwechselbar macht, ist nicht etwa der Unterrichtsstoff, sondern die Methodik: Häufig müssen sich die Schüler ihre Informationen selbst beschaffen, zum Beispiel aus dem Internet. Der Sichtung des Materials folgt die schriftliche oder grafische Aufarbeitung. Am Ende steht eine Präsentation.

Somit werden also nicht nur einzelne Naturwissenschaften untereinander vernetzt, sondern nebenher auch noch Darstellungsformen eingeübt, was im späteren Berufsleben unverzichtbar ist. Die Schlüsselqualifikation der Teamfähigkeit erwerben sich die Schüler im Fach MNI ebenfalls in neuen Dimensionen. Da kommt es durchaus zur fruchtbaren Kooperation mit dem Lehrer, wie Rolf Oberle erzählt: Wenn ich mit dem Computer mal nicht so zurechtkomme, dann brauche ich einen Schüler, den Magnus, und der hilft mir dann weiter.

Umgekehrt kann es auch den Schülern passieren, dass sie kurzfristig überfordert sind. Besonders im vergangenen Schuljahr muss das Chemie-Modul in MNI Anforderungen gestellt haben, denen sie vom eigentlichen Chemie-Unterricht her noch nicht gewachsen waren. Das war am Anfang heftig, wir standen wie vor einer Wand, erinnert sich einer der Gymnasiasten, während sein Lehrer ergänzt: Die Schüler wurden mit komplexen naturwissenschaftlichen Phänomenen konfrontiert. Beim Vernetzen gibt es eben kein eindimensionales Denken mehr.

Als Ideal in dieser Hinsicht erwies sich für Schulleiter Dr. Roland Krämer das Erdkunde-Modul Karst und Böden, das dem Oberthema Kohlenstoffkreislauf untergeordnet ist: Beim Phänomen Bodenbildung braucht man Chemie, Erdkunde, Biologie und Physik. Wer aber die Geschichte der Böden in den letzten 10 000 Jahren verstehen will, benötigt schließlich noch Kenntnisse in Bevölkerungs- und Besiedlungsgeschichte.

Zunächst einmal machten sich die Zehntklässler selbst mit den Böden auf der Alb vertraut, und zwar mit allen Sinnen. Die Geländeexkursion führte sie an den Fuß des Römersteins. Hier galt es, mittels eines Pürckhauer-Bohrstocks Proben zu entnehmen und anschließend den Boden bis zur Gesteinsschicht abzugraben. Zuerst war das Auge gefragt, beim diffizilen Problem der exakten Farbbestimmung. Leichtes Entsetzen über die weitere Vorgehensweise spricht noch aus den Worten eines jugendlichen Forschers: Wir mussten den Boden in die Hände nehmen. So lässt sich besser feststellen, ob er sandig oder lehmig ist. Einige gingen sogar noch weiter, steht doch an der dokumentarischen Fotowand zu lesen: Sand knirscht zwischen den Zähnen.

Laboruntersuchungen stehen indes noch aus. Der größte Teil der Bodenproben wartet im Geographischen Institut der Universität Tübingen auf Studenten. Eine Forschungsgruppe unter Professor Dr. Karl-Heinz Pfeffer hatte die Exkursion begleitet und die Schüler angeleitet. Natürlich haben die mit ihrer Atomabsorptionsspektralanalyse die besseren Möglichkeiten als wir mit unseren nasschemischen Untersuchungen an der Schule, ist sich Rolf Oberle des Klassenunterschieds bewusst. Trotzdem sind er und seine Schüler gespannt auf den Abgleich der Ergebnisse. Am meisten fasziniert zeigten sich die Zehntklässler aber von der vor Ort gewonnen Erkenntnis, dass innerhalb von 100 Metern völlig verschiedene Bodenverhältnisse herrschen können.

Das Fach MNI hat hier also Interesse geweckt für die angewandten Naturwissenschaften. Unter diesem Namen abgekürzt AnNa soll die neue fächerübergreifende Disziplin in drei Jahren zum verbindlichen Hauptfach in ganz Baden-Württemberg aufsteigen. Eine pädagogische Idealvorstellung ist im Fach MNI verwirklicht: In Teamarbeit werden fächerübergreifende Phänomene selbstständig erforscht.

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